Die da oben – wir hier unten?

„Ich habe die doch gewählt, warum soll ich die anders behandeln, Politiker_webals jeden anderen auch?“ Das ist eine Frage, die mir in Seminaren zum Thema Protokoll und politische Etikette in letzter Zeit öfter gestellt wird. Ja warum überhaupt? Die Gleichheit ist als demokratisches Grundprinzip im Art. 3 Abs. 1 des Grundgesetzes verankert. Das Gleichheitsideal steht in der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten und war eines der Leitmotive der Französischen Revolution. Also warum gibt es spezifische Regeln für Anreden, Begrüßung, Platzierung und allgemein Verhalten und Kommunikation zwischen Diplomaten und mit politischen Amtsträgern – oder generell überall, wo Repräsentanten aufeinander treffen?

Der sichtbare Staat

Regierungen sind nur dann arbeitsfähig, wenn sie von innen und außen anerkannt werden. Um dies sicherzustellen, muss die Staatsidee für alle sichtbar sein. Rangordnung, Anreden, Begrüßungs- und Platzierungsregeln gehören dabei genauso zum Instrumentarium, wie Wappen, Flaggen, Eskorten und die Saaldiener im Bundestag. Unternehmen arbeiten mit ähnlichen Mitteln, um Identifikation nach außen und innen herzustellen, z.B. durch ein stimmiges Corporate Design, gebrandete Unternehmenskleidung und vieles mehr. Auch im Geschäftsbereich werden Hierarchien durch Benimmregeln wie Begrüßungsreihenfolgen und Bürogröße sichtbar. Kommunizieren wir also mit RepräsentantInnen – ob aus Politik oder Wirtschaft – gelten die spezifischen Regeln des Protokolls und der Etikette nicht der Privatperson, sondern dem Amt und der Institution, die er oder sie vertritt. Eine sakrale Überhöhung der Herrschaft wie zu Zeiten des altertümlichen Hofzeremoniells ist dabei sicher nicht mehr zeitgemäß – und widerspricht auch der angestrebten Bürgernähe eines demokratischen Staates.

Regeln, die Sicherheit geben

Neben diesem Aspekt der Etikette, den man auf den ersten Blick tatsächlich als etwas Trennendes empfinden kann, haben Benimmregeln aber durchaus auch eine verbindende Funktion. Persönliche Interaktion wäre eine unbezwingbar komplexe Aufgabe, wenn man jeden Schritt in der jeweiligen Situation selbst neu entscheiden müsste. Und das gilt ganz besonders für die Kommunikation von RepräsentantInnen, deren Auftreten neben einem inhaltlichen immer auch einen repräsentativen und symbolischen Charakter hat. Kann uns eine ungeklärte Beziehung schon im Privaten verunsichern – warum hat mich meine Nachbarin im Treppenhaus eigentlich nicht gegrüßt? – so birgt Unsicherheit bei der Kommunikation zwischen Repräsentanten ein ungeahntes Fettnäpfchen-Potential. Umgangsregeln geben uns hier einen sicheren Rahmen für die Kommunikation zwischen gesellschaftlichen Feldern wie Politik und Wirtschaft, zwischen Hierarchien, sozialen Milieus und auch unterschiedlichen Kulturen.

Kleine Ursache, große Wirkung

Ob und wie man die Regeln des Protokolls und der Politischen Etikette anwendet – oder nicht anwendet (auch ein kalkulierter Tabubruch kann ein legitimes Kommunikationsmittel sein) – sie zu kennen verleiht Sicherheit, wo es darauf ankommt und verhindert von der ungewollten Taktlosigkeit bis zur diplomatischen Verwicklung allerhand Ärger auf der großen Bühne.

Café-Lektion zum Takt

Ich sitze im Café und möchte
einen kleinen Artikel über Takt schreiben. Die „Techniken der Imagepflege“ von Erving Goffman habe ich gerade aufgefrischt, nun möchte ich nachsehen, was Freiherr von Knigge zum Thema zu sagen hat. Als ich nach „Über den Umgang mit Menschen“ greife, fällt mein zugegeben etwas hoch geratener Bücherstapel um und poltert zu Boden. Die Gäste an den Nachbartischen schauen sich zu mir um. Mit einem „Hoppla-sorry-keine-Absicht-ich-bin-ja-so-tollpatschig“-Lächeln beantworte ich ihre Blicke, während ich auch den Hartmann und die Heidemarie Müller zurück auf den Tisch befördere. Ich ernte nachsichtiges Grinsen, die Gäste widmen sich wieder ihren Gesprächen oder ihrer Zeitung. Der Wirt kommt vorbei, fragt, ob alles in Ordnung ist und schaut nach, ob er etwas bei mir abräumen kann, damit ich mehr Platz habe. Auch ihm gebe ich ein „Nein-alles-in-Ordnung-Entschuldigung-für-das-Chaos“-Zeichen und bestelle noch einen Kakao.

Wir sitzen alle im selben Boot. Oder Café.

Was gerade passiert ist, ist ein gesellschaftlich fein ausgeklügeltes, in lebenslanger Sozialisation eingeübtes kommunikatives Kunststück des Taktes und der Imagepflege. In einem gemeinsam geteilten Rahmen (Café) habe ich gegen die von den Teilnehmern (Gäste und Wirt) an der sozialen Interaktion (Wir sind gemeinsam in einem Café) unbewusst geteilte kulturellen Ordnung (Wir sitzen vollständig bekleidet an Tischen, unterhalten uns in Tischlautstärke, lesen oder arbeiten innerhalb unserer privaten Sphäre und konsumieren dabei etwas Kostenpflichtiges) verstoßen (ich habe Krach gemacht und Unordnung verursacht). Nachdem mein Vergehen zu offensichtlich war, um taktvoll übergangen zu werden (hätte ich in der Nase gebohrt hätte ich zwar meine persönliche Würde diskreditiert, aber alle hätten sich bemüht, es zu übersehen), war es meine Aufgabe, die Schuld für die Störung anzuerkennen und deutlich zu machen, dass ich unsere Verhaltensregeln nach wie vor teile und respektiere.

War das etwa Absicht?

Mein Versehen wird als versehentlicher Fauxpas akzeptiert (ich habe nicht absichtlich gegen unsere stille Übereinkunft verstoßen) und vergeben. Als guter Gastgeber, der Verantwortung dafür fühlt, dass seine Gäste ihr Gesicht wahren, um allen Anwesenden ein angenehmes und wiederholbares Erlebnis zu erhalten, bietet mir der Wirt an, einen Teil der Schuld zu übernehmen, indem er den eventuellen Platzmangel auf dem Tisch verantwortet. Würde ich mich lautstark bei ihm beschweren,  hätte ich mein eigenes Bild als höflicher Mensch, der einfach in einem Café in Ruhe arbeiten möchte, und das allgemeine Wohlbefinden erneut bedroht. Aber so ist nun alles wieder in Ordnung und ich kann mich weiter meinem Artikel widmen.

Schein und Sein

Die Mechanismen dieser kleinen Episode lassen sich auf alle sozialen Interaktionen übertragen. Ob in einem Café oder auf einer öffentlichen Veranstaltung, es wird von jedem Teilnehmer gemäß seinem Auftreten automatisch und unbewusst erwartet, dass er bestimmte Eigenschaften besitzt. Treten wir in Kostüm und Anzug auf, eventuell sogar mit einem kleinen Unternehmens- oder Clubabzeichen am Revers, gehen die anderen Gäste in der Regel davon aus, dass wir fachlich und sozial kompetent, kommunikativ und an unserem Gegenüber interessiert sind. Das Abzeichen verleiht uns sogar einen kleinen Vertrauensvorschuss, da offenbar eine Institution uns für würdig befindet, in ihrem Namen aufzutreten.

Erwartung sozialer Kompetenz

Es wird vorausgesetzt, dass wir uns mit Umgangsregeln auskennen und weder unser Gegenüber noch uns selber in eine unangenehme Situation bringen wollen. Wir alle fühlen uns wohl und souverän, wenn unser Image und unsere Verhaltensstrategie konsistent sind und von anderen Beteiligten anerkannt werden. Noch besser fühlen wir uns, wenn uns sogar ein besseres Bild von uns zurück gemeldet wird, als wir erwartet haben. Unangenehm wird es allerdings, wenn etwas geschieht, was diesem Bild widerspricht – und zwar sowohl uns selber, als auch anderen. Ob aus Unbeholfenheit oder Absicht, setzt sich eine andere Person in ein Fettnäpfchen oder beleidigt eine andere Person, ist es allen Beteiligten unangenehm und wir fühlen uns intuitiv verpflichtet, das Gleichgewicht durch eine taktvolle Reaktion wieder herzustellen.

Wie man in den Wald hineinruft…

Freiherr von Knigge, dessen Werk sich mehr um soziale Geschicklichkeit als um die korrekte Verwendung von Gabel und Messer dreht, hat gleich auf Seite 4 einen sachdienlichen Hinweis: „Enthülle nie auf unedle Art die Schwächen Deiner Nebenmenschen, um Dich zu erheben!“ Damit ermahnt auch er uns, das Bild, das jemand anderes von sich vermittelt, zu respektieren und nicht absichtlich zu beschädigen oder gar auszunutzen, wenn derjenige es selber nicht geschickt verteidigt. Tun wir das doch, so entlarven wir uns als unbescheiden, schamlos und „unedel“, da wir auf Kosten eines anderen versuchen, Punkte zu sammeln, anstatt dessen Ehre zu retten – und gefährden damit auch das Bild, das andere von uns haben.

Takt ist Teamwork

TaktimCafeDie gute Nachricht ist also, dass Gäste einer sozialen Interaktion, sofern der Rahmen nichts anderes vorgibt (Kabarett, Bundestagsdebatten und Facebookkommentare folgen eigenen Ordnungen…), sich gemeinsam bewusst oder unbewusst darum bemühen, dass niemand sein Gesicht verliert. Gerät das Bild doch ins Wanken, sind Gelassenheit, Schlagfertigkeit und Humor die Bastionen geschickter Interaktionsteilnehmer. Und diese erwachsen letztendlich aus Wissen und Übung.

 

Die Mauer

Was ist Politische Etikette? Das sind all die Regeln des Umgangs, der Kommunikation und Ehrerbietung, die man kennen sollte, wenn man sich in Gesellschaft von Politik und anderen Entscheidern bewegt. Protokoll ist der spezielle Teil, der besonders bei Veranstaltungen dafür sorgt, dass sich Gäste und Ehrengäste aus Politik und Gesellschaft wohl und Ihren Erwartungen entsprechend umsorgt fühlen. Die ehemalige Protokollchefin des Freistaates Sachsen Heidrun Müller hat viele Staatsgäste in Sachsen empfangen und kennt alle Situationen, Kniffe, Fettnäpfchen und Menschentypen, die auf hochkarätigen Anlässen vorkommen. Einige davon stellen wir Ihnen in unserem Protokoll-Brief vor – und wie man mit ihnen umgehen kann.

Mauer_web_tag KopieKennen Sie zum Beispiel „Die Mauer“? Das ist der eine, mit bewundernswertem Selbstbewusstsein gesegnete Mensch auf der Netzwerkveranstaltung, der wie eine Mauer vor dem Ehrengast steht und ihn vollkommen in Beschlag nimmt. Alle anderen Gäste kreisen unter verschiedenen Vorwänden um die kommunikative Käseglocke und versuchen, den ersehnten Gesprächspartner (um den zu treffen sie 45,-EUR Eintritt gezahlt und 7 Grußworte über sich ergehen lassen haben) mit kurzem, höflichen Blickkontakt auf sich aufmerksam zu machen. Leider oft vergeblich.

Heidrun Müller: „Solche Situationen erlebe ich immer wieder. Man darf ja nicht vergessen, dass auch der Ehrengast gekommen ist, um die Mitglieder dieses Netzwerkes kennen zu lernen. Wenn man Glück hat, findet er einen charmanten Weg, sich auch wieder den anderen Gästen zuzuwenden. Oder er hat einen umsichtigen Gastgeber, Referenten, VIP-Betreuer oder Protokollchef, der ihn loseist. Wenn nicht, kann man ruhig auch kreativ werden. Einmal habe ich auf ein Zettelchen „Ich möchte auch gern…“ geschrieben und es ganz kurz über die Schulter der „Mauer“ gehalten. Meinem Ehrengast bescherte das ein Lachen und mir mein kurzes Gespräch mit ihm.

Selbstverständlich ist das keine Patentlösung, aber sie verdeutlicht eine Erkenntnis, auf die ich mein Leben lang immer wieder gestoßen bin: Oft lösen sich Situationen am besten durch eine Prise Humor und Mut zum Unkonventionellen.“